Welche Produktionsprozesse sich automatisieren lassen
In der Fertigung wird Automatisierung meist mit Robotik verwechselt. Der grössere Hebel im Schweizer KMU liegt in der Steuerung: Aufträge freigeben, Fortschritt zurückmelden, Abweichungen sichtbar machen. Drei Bereiche, in denen sich Automatisierung fast immer rechnet - und drei Entscheidungen, die beim Menschen bleiben.
Wenn in einem Produktionsbetrieb von Automatisierung die Rede ist, denken die meisten zuerst an die Maschine: an einen Roboter, eine zusätzliche Achse, eine Anlage, die nachts durchläuft. Das sind Investitionen in der Grössenordnung von Hunderttausenden Franken, und sie brauchen eine eigene Rechnung.
Der Hebel, über den in Schweizer KMU deutlich seltener gesprochen wird, liegt daneben: in der Steuerung. Also in allem, was zwischen dem freigegebenen Auftrag und der fertig gemeldeten Menge passiert - Papiere, Rückmeldungen, Statusabfragen, Nachfragen. Diese Arbeit taucht in keiner Maschinenkalkulation auf, kostet aber in vielen Betrieben mehr Zeit als die Fertigung selbst.
Drei Bereiche der Fertigungssteuerung zahlen sich fast immer aus, wenn man sie automatisiert.
Auftragsfreigabe: nach Regel statt nach Rundgang
In vielen Betrieben entscheidet die Fertigungsleitung morgens von Hand, welche Aufträge heute in die Werkstatt gehen. Dazu gehört ein Rundgang: Ist das Material da? Ist die Maschine frei? Wer ist heute überhaupt anwesend? Erst danach werden Papiere gedruckt und verteilt.
Dieser Rundgang lässt sich zu einem grossen Teil durch eine Regel ersetzen, weil die Kriterien immer dieselben sind:
- Materialverfügbarkeit - ein Auftrag wird erst freigegeben, wenn alle Komponenten reserviert sind, nicht nur rechnerisch vorhanden
- Kapazität - die Freigabe berücksichtigt, was auf dem Arbeitsplatz bereits eingeplant ist, statt die Warteschlange weiter zu füllen
- Reihenfolge - Termin und Priorität bestimmen, welcher Auftrag zuerst kommt, nicht das Eingangsdatum
Was dadurch verschwindet, ist nicht die Entscheidung, sondern die tägliche Nachschau. Die Fertigungsleitung prüft eine Vorschlagsliste, statt sie zu erstellen. Wie man die Reihenfolge dahinter sinnvoll bildet, steht in Produktionsaufträge effizient planen; warum reservierte und tatsächlich verfügbare Bestände selten dasselbe sind, in Materialverfügbarkeit sicherstellen.
Der zweite Effekt betrifft das Papier. Sobald die Freigabe im System entsteht, kann der Auftrag am Arbeitsplatz angezeigt werden statt gedruckt zu werden - mit der jeweils gültigen Stückliste und dem aktuellen Arbeitsplan. Eine veraltete Zeichnung in einer Mappe ist damit strukturell nicht mehr möglich.
Kurz gesagt: Der grösste Automatisierungshebel in der Fertigung liegt selten an der Maschine, sondern in der Steuerung: Freigabe nach Regel, Rückmeldung am Arbeitsplatz, Abweichung als Meldung statt als Nachfrage. Alles drei folgt festen Kriterien - und genau das macht es automatisierbar.
Rückmeldung: einmal erfassen, nicht dreimal abtippen
Die Rückmeldung ist die Stelle, an der die meisten Betriebe still Geld verlieren. Typisch ist ein Ablauf über drei Stationen: Der Mitarbeitende notiert Zeit und Menge auf dem Auftragspapier, im Büro wird das Papier in eine Tabelle übertragen, und am Monatsende versucht jemand, daraus eine Nachkalkulation zu bauen. Zwischen Werkstatt und Auswertung liegen dann Wochen.
Automatisiert heisst hier nicht “ohne Menschen”, sondern: einmal erfasst, überall verbucht. Der Mitarbeitende meldet am Arbeitsplatz Start, Menge und Ausschuss - und daraus entsteht ohne weiteren Schritt:
- die verbrauchte Zeit auf dem Auftrag, als Grundlage der Nachkalkulation
- die Materialbuchung aus der Stückliste, statt einer separaten Lagerentnahme
- der Fertigungsfortschritt, der im Verkauf sichtbar ist, ohne dass jemand in der Werkstatt anruft
- die Ausschussmenge, die sofort einen Nachproduktionsbedarf auslöst statt erst beim Wareneingang aufzufallen
Die Umstellung wird oft unterschätzt, weil sie nicht technisch schwierig ist, sondern kulturell: Eine Rückmeldung am Terminal ist für Mitarbeitende, die zwanzig Jahre auf Papier notiert haben, zunächst eine Zumutung. Sie funktioniert nur, wenn die Erfassung wenige Sekunden dauert und wenn die Leute den Nutzen sehen - etwa daran, dass niemand mehr nachfragt, wo ein Auftrag steht.
Automatisierung lohnt sich dort, wo ein Ablauf festen Kriterien folgt - nicht dort, wo die Erfahrung des Meisters den Ausschlag gibt.
Abweichungen: gemeldet werden, statt nachfragen
Der dritte Bereich ist der unauffälligste und in der Führung der wertvollste. In den meisten Betrieben erfährt man von einem Problem, indem man danach fragt: Der Verkauf ruft in der Fertigung an, die Fertigung ruft im Einkauf an, und irgendwann weiss jemand Bescheid. Diese Kette funktioniert, kostet aber Zeit und meldet immer zu spät.
Sobald Fortschritt und Verbrauch laufend zurückgemeldet werden, lässt sich die Richtung umkehren. Das System vergleicht Soll und Ist und meldet von selbst, wenn eine Schwelle überschritten wird:
- ein Auftrag liegt hinter Plan und der zugesagte Termin ist gefährdet
- der Ausschuss eines Artikels übersteigt den üblichen Anteil
- eine Komponente fehlt für einen bereits eingeplanten Auftrag
- die tatsächliche Bearbeitungszeit weicht dauerhaft vom hinterlegten Arbeitsplan ab
Der letzte Punkt ist der lohnendste. Wenn ein Arbeitsgang seit einem Jahr konstant 40 Prozent länger dauert als kalkuliert, ist nicht die Fertigung zu langsam - dann stimmt die Kalkulation nicht, und mit ihr stimmt der Preis nicht. Solche Abweichungen fallen ohne systematischen Soll-Ist-Vergleich praktisch nie auf.
Wo Automatisierung in der Fertigung an ihre Grenze stösst
Nicht jeder Schritt gehört automatisiert, und in der Produktion ist die Grenze besonders deutlich. Drei Entscheidungen bleiben beim Menschen:
Die Umplanung bei einer Störung. Fällt eine Maschine aus oder kommt ein Eilauftrag herein, muss jemand abwägen, welcher Kunde warten kann und welcher nicht. Das ist eine kommerzielle Entscheidung, keine Rechenaufgabe - das System soll die Folgen zeigen, nicht die Wahl treffen.
Der Qualitätsentscheid im Grenzfall. Ob ein Teil knapp ausserhalb der Toleranz nachgearbeitet, freigegeben oder verschrottet wird, hängt vom Kunden, der Anwendung und der Erfahrung ab. Eine Prüfung lässt sich auslösen und dokumentieren; das Urteil nicht ersetzen.
Das Gespräch bei Terminverzug. Ein automatischer Hinweis an den Kunden ist keine Entlastung, sondern ein Risiko. Wenn ein Termin kippt, ist der Anruf mit einem realistischen neuen Datum die Arbeit, die zählt - Automatisierung liefert dafür nur die belastbare Zahl.
So sieht das in Odoo aus
In Odoo laufen diese drei Bereiche über dieselbe Datenbasis, auf der auch Verkauf und Lager arbeiten - das ist der eigentliche Punkt, nicht der einzelne Automatismus. Fertigungsaufträge entstehen aus dem Kundenauftrag oder aus der Bedarfsrechnung und werden freigegeben, sobald Material reserviert ist. Am Arbeitsplatz meldet der Mitarbeitende über eine Tablet-Ansicht Start, Menge und Ausschuss zurück; Zeit, Materialverbrauch und Fortschritt werden daraus gebucht. Regeln auf Basis von Soll-Ist-Abweichungen erzeugen Meldungen, statt dass jemand nachfragen muss.
Die Grenze ist ebenso wichtig: Odoo ersetzt keine Maschinensteuerung und keine echte Feinplanung mit Sekundenauflösung. Für Betriebe, die genau dort hinwollen, ist ein vorgelagertes MES die passendere Antwort. Was in der Produktion mit Odoo abgedeckt ist und wo die Grenze verläuft, steht ausführlich in Produktion mit Odoo. Die allgemeine Frage, woran sich ein automatisierbarer Ablauf überhaupt erkennen lässt, beantwortet Welche Prozesse sich überhaupt automatisieren lassen.
Fazit
Automatisierung in der Fertigung beginnt nicht an der Maschine, sondern an der Steuerung. Auftragsfreigabe nach klaren Kriterien, Rückmeldung an einer einzigen Stelle und Abweichungen, die gemeldet werden statt erfragt zu werden: Diese drei Bereiche folgen wiederholbaren Regeln und rechnen sich in fast jedem produzierenden KMU - meist ohne eine einzige neue Maschine.
Was bleibt, ist die Führungsarbeit: umplanen, wenn es klemmt, im Grenzfall entscheiden und mit dem Kunden reden, wenn ein Termin kippt. Genau dafür entsteht Zeit, wenn der Rest von selbst läuft.
Weiterführend: Themenwelt Produktion. Den nächsten Schritt machen Sie mit dem kostenlosen Projekt-Check.
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