Warum wir Odoo gewählt haben
Ein Partner, der drei Systeme anbietet, empfiehlt selten das dritte. Wir haben uns deshalb festgelegt - und finden, dass Sie die Gründe dafür kennen sollten, samt der Stellen, an denen Odoo nicht passt.
Die Frage kommt in fast jedem Erstgespräch, meist gegen Ende und in einem etwas vorsichtigen Ton: “Sie empfehlen Odoo - aber Sie machen ja auch nur Odoo.” Das ist eine berechtigte Frage, und sie verdient eine Antwort, die über “wir finden es gut” hinausgeht.
Ja, wir haben uns festgelegt. Die Binadoo AG richtet sich zu hundert Prozent auf Odoo aus - das war der Grund für die Ausgliederung aus der Bytebrand Outsourcing AG im Juni 2026 und ist bis heute so. Diese Festlegung hat Vor- und Nachteile, und beide gehören auf den Tisch.
Grund 1: Ein System statt einer Systemlandschaft
Der Hauptgrund hat nichts mit Odoo im Besonderen zu tun, sondern mit dem Problem, das wir bei Kunden am häufigsten sehen. Es lautet fast nie “unsere Software ist schlecht”. Es lautet “unsere Systeme reden nicht miteinander”.
Ein Verkaufswerkzeug, eine Buchhaltung, eine Lagerlösung, eine Zeiterfassung, dazu ein Dutzend Excel-Listen an den Nahtstellen. Jedes einzelne Werkzeug kann für sich gut sein - und trotzdem entsteht daraus keine Steuerung, weil zwischen den Systemen abgeschrieben wird und niemand sagen kann, was ein Auftrag tatsächlich gekostet hat.
Wir brauchten also eine Plattform, die diese Bereiche auf denselben Daten abbildet. Von den ernsthaften Kandidaten in diesem Segment gab es einige. Die Auswahl entschied sich an den drei folgenden Punkten.
Grund 2: Die Breite passt zum Schweizer KMU
Odoo deckt mit rund fünfzig eigenen Hauptanwendungen die Bereiche ab, um die es bei unseren Kunden geht: Verkauf, Einkauf, Lager, Produktion, Projekte, Zeiterfassung, Buchhaltung, Personal, Service, Website. Dazu kommt ein grosser Bestand an Anwendungen aus der Community und von Drittanbietern.
Das ist deshalb wichtig, weil ein KMU mit dreissig Personen keine sechs Spezialsysteme betreiben und pflegen kann. Es braucht eine Grundlage, die einen Bereich nach dem anderen aufnehmen kann, ohne dass jedes Mal ein Integrationsprojekt entsteht. Wie dieser Weg über mehrere Jahre aussieht, beschreibt Wie wird Odoo zum zentralen Unternehmenssystem?.
Entscheidend ist dabei nicht der Funktionsumfang an sich - der ist bei grossen Anbietern höher. Entscheidend ist das Verhältnis von Abdeckung zu Aufwand.
Kurz gesagt: Wir haben uns nicht für die Software mit den meisten Funktionen entschieden, sondern für die, bei der ein KMU mit dreissig Personen den grössten Teil seiner Abläufe in einem System abbilden kann, ohne eine IT-Abteilung dafür zu brauchen.
Grund 3: Der Standard ist der Normalfall, nicht die Ausnahme
Bei klassischen ERP-Projekten ist Anpassung der Regelfall: Das System bildet ab, wie ein Unternehmen heute arbeitet - inklusive aller Sonderfälle, die sich über zwanzig Jahre angesammelt haben. Der Preis dafür sind lange Projekte und ein System, das bei jedem Versionswechsel neu geprüft werden muss.
Odoo lässt sich zu einem grossen Teil über Konfiguration einrichten: Ansichten, Vorlagen, Regeln, Freigabeschwellen, Automatisierungen. Das ist der Unterschied, der uns überzeugt hat - nicht weil Konfiguration eleganter wäre, sondern weil sie updatesicher ist und in Stunden statt in Wochen entsteht.
Diese Eigenschaft passt zu einem unserer vier Grundsätze: Standard vor Anpassung. Wir setzen Individualentwicklung dort ein, wo sie echten Mehrwert schafft - und nicht dort, wo alte Sonderfälle ungeprüft in ein neues System übernommen werden. Die Abwägung dahinter steht in Odoo-Anpassungen: sinnvoll oder gefährlich?.
Grund 4: Offenheit und ein Anbieter, der bleibt
Zwei Dinge, die zusammengehören.
Odoo gibt es in zwei Ausprägungen: die Community-Edition unter der offenen LGPLv3-Lizenz und die kostenpflichtige Enterprise-Edition. Für unsere Kunden ist daran vor allem eines wichtig - die Daten und ein grosser Teil des Codes sind zugänglich. Wer den Partner wechseln will, kann das tun; wer eine Schnittstelle braucht, kommt an die Daten heran. Das ist bei geschlossenen Systemen nicht selbstverständlich.
Gleichzeitig steht dahinter ein Anbieter mit Substanz: Odoo S.A. mit Hauptsitz in Grand Rosière in Belgien, laut eigenen Angaben über 8’000 Mitarbeitende, rund 28 Millionen Nutzerinnen und Nutzer und über 21’000 Partner weltweit. Eine Hauptversion pro Jahr, drei Versionen gleichzeitig im Support.
Diese Kombination - offen genug, um nicht ausgeliefert zu sein, und gross genug, um in zehn Jahren noch da zu sein - gibt es nicht oft.
Wo Odoo nicht die richtige Wahl ist
Zu einer ehrlichen Antwort gehört der zweite Teil. Es gibt Fälle, in denen wir von Odoo abraten - und wir tun das auch, obwohl wir nichts anderes anbieten.
Wenn eine Branchenlösung mit Zulassung im Zentrum steht. Medizintechnik, Pharma, Teile der Lebensmittelverarbeitung: Wo ein zertifiziertes Fachsystem regulatorisch vorgegeben ist, bleibt es. Odoo kann dann daneben stehen und verbunden werden, aber es ersetzt es nicht.
Bei sehr komplexer Terminlogik. Echte Netzplantechnik mit kritischem Pfad über hunderte Vorgänge, wie sie im Grossanlagenbau nötig ist, gehört in eine Spezialsoftware.
Bei der Schweizer Lohnbuchhaltung. Sie ist ein Sonderfall, und die Frage entscheidet sich am Meldeweg, nicht an der Berechnung. In vielen Fällen bleibt der Lohn beim Treuhänder, während Odoo alles davor übernimmt. Entscheidend sind Betriebsgrösse, Komplexität der Lohnstruktur, vorhandenes Lohnfachwissen im Haus und der Anspruch an zertifizierte Meldungen.
Wenn ein Betrieb nur ein Werkzeug ersetzen will. Wer eine gute Einzellösung sucht und keine Verbindung zu anderen Bereichen braucht, zahlt bei einem ERP für etwas, das er nicht nutzt.
Dazu kommen die Schwächen des Produkts selbst - das sportliche Release-Tempo, Lücken in der Dokumentation und die Tatsache, dass Odoo nur so gut ist wie sein Einführungsprojekt. Wir haben sie an anderer Stelle offen aufgeschrieben: Odoo Bewertung: Stärken, Grenzen und geeignete Unternehmen.
Ein Partner, der drei Systeme anbietet, empfiehlt selten das dritte. Deshalb ist die Frage nicht, ob wir befangen sind - sondern ob wir sagen, wo unsere Wahl nicht passt.
Was uns die Festlegung abverlangt
Spezialisierung ist kein Vorteil an sich. Sie wird erst zu einem, wenn sie eingelöst wird - und das kostet.
Es heisst, jede Hauptversion durchzuarbeiten und zu beurteilen, was für Kunden relevant ist und was Marketing bleibt. Es heisst, Anpassungen zu kennen, die wir vor drei Jahren gebaut haben, und zu erkennen, wenn eine neue Standardfunktion sie überflüssig macht. Und es heisst, bei einer Anfrage, die nicht passt, nein zu sagen, statt sie passend zu reden.
Was wir dafür nicht tun: mit Partnerstufen argumentieren. Die Stufen im Odoo-Partnerprogramm richten sich nach verkauften Nutzerlizenzen und der Anzahl zertifizierter Beraterinnen und Berater - nicht danach, ob jemand zu Ihrem Projekt passt. Worauf es bei der Partnerwahl stattdessen ankommt, steht in Odoo-Partner in der Schweiz.
Der persönliche Teil
Für mich schliesst sich mit dieser Entscheidung ein Kreis. 1992 und 1993 habe ich mit Microsoft Access ein komplettes ERP für einen Büromaterial-Grosshandel gebaut, von 2003 bis 2006 war ich Berater für das ERP BW2 Technologies. Die Fragen waren damals dieselben wie heute: Wie werden Abläufe sauber abgebildet, wie lassen sich Daten sinnvoll strukturieren, wie arbeitet ein Unternehmen dadurch besser.
Was sich geändert hat, ist die Antwortzeit. Früher dauerte jede Änderung an einem ERP Wochen und kostete entsprechend. Heute lässt sich ein zusätzlicher Ablauf oft an einem Nachmittag abbilden. Genau das meinen wir, wenn wir sagen: Odoo ist für uns keine Software im klassischen Sinn, sondern eine Plattform für unternehmerische Flexibilität.
Fazit
Wir haben Odoo gewählt, weil es das Grundproblem unserer Kunden adressiert - getrennte Systeme statt einer Steuerungsgrundlage -, weil die Abdeckung zum Schweizer KMU passt, weil sich vieles ohne Entwicklung einrichten lässt und weil hinter der offenen Grundlage ein Anbieter steht, der nicht morgen verschwindet.
Und wir sagen Ihnen, wo es nicht passt. Das ist kein Zeichen von Bescheidenheit, sondern die einzige Art, wie eine Empfehlung von einem spezialisierten Partner überhaupt etwas wert sein kann.
Weiterführend: Themenwelt Binadoo Insights · Lösung ERP. Den nächsten Schritt machen Sie mit dem kostenlosen Projekt-Check.
Passt Odoo zu Ihrem Unternehmen?
Im kostenlosen Projekt-Check sagen wir Ihnen ehrlich, ob sich der Weg für Sie lohnt - auch wenn die Antwort nein lautet.