Welche Bestände wirklich notwendig sind
Die Bestandshöhe ist in den meisten KMU historisch gewachsen: einmal festgelegt, nie überprüft. Drei Grössen genügen, um sie je Artikel zu bestimmen - und die wichtigste davon ist nicht der Verbrauch.
“Wie viel sollen wir davon am Lager haben?” wird in den meisten KMU einmal beantwortet - beim ersten Mal, aus dem Bauch - und dann nie wieder gestellt. Der Meldebestand von 2019 läuft weiter, obwohl sich Verbrauch, Lieferzeit und Preis seither verändert haben.
Dabei braucht es für eine bessere Antwort weder eine Softwareinvestition noch ein Projekt. Drei Grössen genügen.
Die drei Grössen
Der Verbrauch. Wie viel wird pro Woche oder Monat gebraucht? Die Zahl liegt in jedem System, wird aber selten angesehen.
Die Wiederbeschaffungszeit. Wie lange dauert es vom Bestellen bis zur Verfügbarkeit - inklusive Wareneingangsprüfung, nicht nur die Lieferzeit des Lieferanten.
Die Schwankung. Und das ist die wichtigste und am häufigsten übersehene Grösse: Wie stark schwanken Verbrauch und Lieferzeit? Ein Artikel mit konstantem Verbrauch braucht fast keinen Sicherheitsbestand. Ein Artikel mit demselben Durchschnittsverbrauch, aber starken Ausschlägen, braucht ein Vielfaches.
Aus den ersten beiden ergibt sich der Meldebestand: Verbrauch während der Wiederbeschaffungszeit. Aus der dritten der Sicherheitsbestand obendrauf.
Kurz gesagt: Zwei Artikel mit identischem Durchschnittsverbrauch können völlig unterschiedliche Bestände brauchen - entscheidend ist nicht der Verbrauch, sondern seine Schwankung. Wer nur mit Durchschnitten rechnet, hat bei stabilen Artikeln zu viel und bei schwankenden zu wenig.
Nicht jeder Artikel verdient dieselbe Sorgfalt
Ein Betrieb mit tausend Artikeln kann nicht für jeden eine Analyse machen - und muss es auch nicht. Die klassische Dreiteilung nach Wert reicht:
Wenige Artikel machen den grössten Teil des Lagerwerts aus. Für sie lohnt die genaue Rechnung, und dort liegt das Kapital, das freigesetzt werden kann.
Der mittlere Teil wird nach einfacher Regel gesteuert - Meldebestand aus Verbrauch und Lieferzeit, ohne aufwendige Schwankungsanalyse.
Die vielen geringwertigen Artikel werden bewusst grosszügig bevorratet. Bei einer Dichtung für zwei Franken ist die Fehlmenge teurer als jeder Überbestand - hier ist Nachdenken teurer als Lagern.
Diese Einteilung ist der wirksamste erste Schritt, weil sie den Aufwand dorthin lenkt, wo er sich rechnet.
Was ein zu tiefer Bestand kostet
Über zu hohe Bestände wird gesprochen, weil sie sichtbar sind - Kapital, Fläche, Abschreibung. Die Kosten zu tiefer Bestände sind unsichtbar und oft höher:
- Der Auftrag, der nicht angenommen wird, weil die Lieferzeit nicht passt
- Der Eilzuschlag beim Lieferanten und die Expressfracht
- Der Produktionsstillstand wegen eines Teils für zwölf Franken
- Die Umplanung, die drei Personen beschäftigt
Deshalb ist die Frage nie “möglichst wenig Bestand”, sondern “welcher Bestand rechtfertigt sich”. Warum Bestände trotzdem regelmässig zu hoch sind, beschreibt Zu hohe Lagerbestände: Ursachen und Lösungen.
Nicht der Durchschnittsverbrauch bestimmt den Bestand, sondern seine Schwankung. Zwei Artikel mit gleichem Verbrauch brauchen völlig unterschiedliche Mengen.
Wann die Rechnung überprüft gehört
Ein Meldebestand ist keine Konstante. Vier Anlässe verlangen eine Überprüfung, und alle vier sind in der Praxis erkennbar:
- Der Lieferant hat die Lieferzeit geändert - nach oben oder unten.
- Der Verbrauch hat sich dauerhaft verschoben - ein Produkt läuft aus, ein neues an.
- Der Artikel war mehrfach nicht verfügbar - das ist das deutlichste Signal.
- Der Artikel liegt seit über einem Jahr unbewegt - dann ist der Bestand nicht zu tief, sondern überflüssig.
Ein jährlicher Durchgang durch die wertintensiven Artikel genügt. Er dauert einen halben Tag und setzt in den meisten Betrieben mehr Kapital frei als jede Verhandlungsrunde mit Lieferanten.
So sieht das in Odoo aus
In Odoo werden Melde- und Sicherheitsbestand je Artikel und Lagerort hinterlegt; die Bedarfsrechnung erzeugt daraus Bestellvorschläge, sobald der Bestand darunter fällt. Wichtiger als diese Automatik ist aber die Datengrundlage: Weil Verkauf, Einkauf und Lager dieselbe Basis nutzen, liegen Verbrauchshistorie und tatsächliche Lieferzeiten je Lieferant vor - ohne dass jemand sie zusammenstellt.
Damit wird die jährliche Überprüfung zur Auswertung statt zur Recherche. Was Odoo nicht liefert, ist die Entscheidung über das Servicelevel - wie viel Sicherheit man sich leisten will, bleibt eine Führungsfrage. Die Bedarfsrechnung dahinter zieht Lagerbestand, offene Bestellungen und geplante Aufträge zusammen und leitet daraus den Nachschubvorschlag ab.
Fazit
Die notwendige Bestandshöhe ergibt sich aus Verbrauch, Wiederbeschaffungszeit und - vor allem - der Schwankung beider. Wer nur mit Durchschnitten arbeitet, liegt bei stabilen Artikeln zu hoch und bei schwankenden zu tief.
Den Aufwand lenkt man über die Wertverteilung: genau rechnen bei den wenigen teuren Artikeln, einfache Regeln in der Mitte, grosszügig bevorraten bei den geringwertigen. Ein halber Tag im Jahr genügt, um die Zahlen aktuell zu halten.
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