Inventur ohne Betriebsunterbruch: Was der Lagerist am Zähltag sieht
Eine Inventur muss das Lager nicht zwei Tage stilllegen. Bei der rollenden Inventur zählt der Lagerist jeden Tag ein paar Plätze im laufenden Betrieb und klärt Abweichungen sofort. So stimmt der Bestand das ganze Jahr, und der Lagerwert in der Bilanz ist verlässlich.
Dienstag, 30. Dezember, 06:30, Lager eines Befestigungstechnik-Händlers mit 30 Mitarbeitenden, 3’200 Artikeln und 1’400 Lagerplätzen. Die Tore bleiben zu, der Versand ist für zwei Tage abgemeldet, sechs Leute aus Lager, Verkauf und Buchhaltung stehen mit Zählzetteln in Klarsichthüllen vor Gang A. Der Lagerist zählt Dübel in Hunderterbeuteln, schreibt 1’200 auf den Zettel, zählt nochmals, weil ihn jemand angesprochen hat, und schreibt 1’200 darunter. Um 17:00 liegen 1’400 Zettel im Büro.
Drei Wochen später kommt eine Excel-Tabelle zurück: 140 Plätze mit Differenz. Ein Teil davon sind Tippfehler beim Abschreiben, ein Teil sind Wareneingänge vom 29. Dezember, die noch nicht gebucht waren, und ein Teil ist echt. Welcher Teil welcher ist, weiss im Januar niemand mehr. Der Lagerist bekommt eine Liste mit 40 Plätzen zum Nachzählen, während die Aufträge der ersten Januarwoche aufgelaufen sind. Zwei Tage Stillstand, drei Wochen Unsicherheit, und die Bestandsgenauigkeit ist am 1. Februar nicht besser als am 29. Dezember.
Was Inventur im Alltag ist - und was nicht
Inventur klingt nach Jahresabschluss, Revisor und Stichtag. Im Lager eines KMU ist sie etwas Einfacheres: die Frage, ob die Zahl im System mit der Zahl im Regal übereinstimmt, und wie schnell eine Abweichung erklärt ist. Das Gesetz verlangt, dass jeder Bestand einmal im Jahr körperlich aufgenommen wird. Es verlangt nicht, dass das an einem Tag passiert, und schon gar nicht, dass das Lager dafür schliesst.
Eine rollende Inventur, auch permanente Inventur genannt, verteilt dieselbe Zählung über das Jahr: Jeden Tag bekommt der Lagerist einen Zählauftrag mit zwanzig bis dreissig Plätzen, zählt sie im laufenden Betrieb und erfasst das Ergebnis am Platz. Artikel, die oft bewegt werden und viel Wert tragen, kommen mehrmals im Jahr dran, Artikel, die selten bewegt werden, einmal. Der Revisor bekommt statt 1’400 Zetteln ein Zählprotokoll mit Datum, Person und Differenz je Platz. Drei Dinge entscheiden, ob das funktioniert, und keines davon ist ein Zählgerät:
- Die Buchungsdisziplin. Eine Zählung stimmt nur, wenn Wareneingänge, Entnahmen und Umlagerungen in dem Moment gebucht sind, in dem sie passieren. Ein Lieferschein, der bis Freitag im Büro liegt, erzeugt am Donnerstag eine Differenz, die keine ist.
- Der Rhythmus. Welche Plätze wie oft gezählt werden, folgt dem Wert und der Bewegung, nicht dem Alphabet. Die 480 Plätze, die zwei Drittel des Lagerwerts tragen, verdienen mehr Aufmerksamkeit als die 500 mit Restposten.
- Die Erklärung am selben Tag. Eine Differenz, die am Vormittag auffällt, ist am Vormittag erklärbar: die Lieferung von gestern, die Entnahme für die Werkstatt, die Umlagerung des Kollegen. Dieselbe Differenz drei Wochen später ist nur noch eine Zahl.
Alles Weitere, Stichprobeninventur mit statistischen Verfahren, Zählroboter, RFID, gehört in Lager mit zehntausenden Plätzen. Für 1’400 Plätze reichen die drei Punkte, und sie kosten keine Technik, sondern zwanzig Minuten am Tag und die Gewohnheit, nichts zu bewegen, ohne es zu buchen.
Kurz gesagt: Die Inventur wird nicht genauer, wenn alle gleichzeitig zählen, sondern wenn jede Differenz am selben Tag erklärt wird. Zwanzig Minuten am Tag im laufenden Betrieb ersetzen zwei Tage Stillstand - und das Lager ist das ganze Jahr über richtig, nicht nur am 30. Dezember.
Was sich am Arbeitsplatz ändert
Mit einem System, das Zählaufträge nach Wert und Bewegung verteilt und jede Buchung am Platz kennt, sieht ein gewöhnlicher Donnerstag im Oktober so aus: Um 09:40, nach der ersten Rüstwelle, steht auf dem Terminal am Ende von Gang D der Zählauftrag des Tages, 24 Plätze, D-01 bis D-24. Der Lagerist scannt den Platz, zählt, tippt die Menge. Bei 22 Plätzen stimmt die Zahl mit dem System überein, und der Platz ist erledigt. Bei D-12 zählt er 82 Winkel, das System erwartet 85. Bei D-15 zählt er 52 Ankerbolzen, das System erwartet 48.
Die beiden Abweichungen stehen sofort auf dem Terminal, mit dem letzten Vorgang je Platz daneben. Bei D-15 war das ein Wareneingang von gestern 16:50, 4 Stück Nachlieferung, die der Kollege eingeräumt, aber noch nicht bestätigt hat. Keine Differenz, eine offene Buchung, in zwei Minuten erledigt. Bei D-12 war der letzte Vorgang eine Entnahme von 15 Stück vor neun Tagen. Drei Winkel fehlen tatsächlich, 7.20 Franken Einstand. Der Lagerist bestätigt die Korrektur, das System bucht die Differenz, und der Platz gilt als gezählt. Um 10:05 ist der Zählauftrag erledigt. Kein Platz war gesperrt, die Aufträge aus Gang D wurden währenddessen gerüstet.
Eine Differenz, die am Vormittag auffällt, ist am Vormittag erklärbar. Dieselbe Differenz drei Wochen später ist nur noch eine Zahl.
Was der Lagerist nicht mehr tut: am 30. Dezember um 06:30 antreten, Zählzettel ausfüllen, Zahlen doppelt schreiben, drei Wochen auf die Differenzliste warten, im Januar 40 Plätze nachzählen, ohne zu wissen, was dazwischen passiert ist. Was er stattdessen tut, und das ist die eine neue Pflicht: jeden Wareneingang, jede Entnahme und jede Umlagerung in dem Moment buchen, in dem sie passiert. Zehn Sekunden am Scanner, die am nächsten Zähltag eine Differenz verhindern, die keine ist.
Dieselben Zahlen, zwei Lesarten
Der Zählauftrag liefert je Tag drei Zahlen: abweichende Plätze, Differenzwert und Zählfortschritt. Der Lagerist liest sie am Ende des Zählauftrags, die Lagerleitung am Ende des Monats, und die Geschäftsführung einmal im Jahr, wenn der Revisor fragt. Für den einen sind sie eine Kontrolle seiner Arbeit, für die anderen ein Mass dafür, ob man dem Lagerbestand in der Bilanz trauen kann.
| Zahl | Lagerist, je Zählauftrag | Lagerleitung, je Monat |
|---|---|---|
| Abweichende Plätze | Stimmt mein Gang, und ist jede Abweichung erklärt? | Wo entstehen Differenzen: welcher Artikel, welche Zone, welcher Vorgang? |
| Differenzwert | Ist das eine offene Buchung oder fehlt wirklich etwas? | Wie viel Franken weichen ab, und in welche Richtung? Das ist die Bestandsgenauigkeit für die Bilanz. |
| Zählfortschritt | Bin ich im Takt, oder ist der Zählauftrag liegen geblieben? | Sind alle A-Plätze sechsmal gezählt bis Jahresende? Das ist der Nachweis für den Revisor. |
Die zweite Zeile ist die, an der die Lagerleitung nach drei Monaten die Ursache findet statt die Zahl: Wenn die Differenzen in Gang F immer bei Entnahmen für die eigene Werkstatt entstehen, ist nicht das Zählen das Problem, sondern ein Vorgang ohne Buchung. Welche Kennzahlen im Einkauf und Lager darüber hinaus tragen, steht im Beitrag Kennzahlen für Einkauf und Lager. Die erste Zeile dagegen gehört dem Lagerist: Sie zeigt ihm, dass sein Gang stimmt, und zwar jeden Tag, nicht einmal im Jahr auf einer Liste aus dem Büro.
So sieht das in Odoo aus
In Odoo ist die rollende Inventur kein eigenes Modul, sondern eine Eigenschaft des Lagerplatzes: Jeder Platz trägt einen Zählrhythmus, und das System erzeugt daraus die fälligen Zählungen. Der Lagerist sieht auf dem Terminal oder dem Handgerät die Liste der heute fälligen Plätze, je Platz den Artikel, die erwartete Menge und ein Feld für die gezählte Menge. Stimmen beide, ist der Platz erledigt. Weichen sie ab, steht die Differenz in Stück und Franken daneben, dazu der letzte Vorgang auf diesem Platz mit Datum und Uhrzeit, also genau die Information, mit der er in zwei Minuten entscheidet, ob eine Buchung fehlt oder ob Ware fehlt.
Oben in der Ansicht stehen drei Zahlen: Plätze im Zählauftrag, davon übereinstimmend, davon abweichend. Die Lagerleitung sieht dieselben Zahlen über alle Zählaufträge des Monats, mit dem Differenzwert in Franken und dem Fortschritt je Zählklasse, und der Revisor bekommt am Jahresende das Protokoll aller Zählungen mit Person, Datum und Korrektur. Gesperrt wird dabei nichts: Ein Platz, der gerade gezählt wird, bleibt für die Kommissionierung offen, Odoo rechnet eine Entnahme während der Zählung mit ein. Was Odoo nicht ersetzt, ist die Buchungsdisziplin: Ein Wareneingang, der zwei Tage im Büro liegt, erzeugt im besten System eine Differenz, die keine ist. Wie Einkauf und Lager in Odoo zusammenspielen, steht im Beitrag Einkauf und Lager mit Odoo.
Fazit
Die Jahresinventur am Stichtag ist nicht genauer, sondern nur konzentrierter: zwei Tage Stillstand, sechs Leute, 1’400 Zettel und eine Differenzliste, die drei Wochen später niemand mehr erklären kann. Eine rollende Inventur zählt dieselben Plätze über das Jahr, im laufenden Betrieb, zwanzig Minuten am Tag, und erklärt jede Differenz am selben Vormittag. Für den Lagerist heisst das: ein Zählauftrag statt eines Zähltags, und die Gewissheit, dass sein Gang stimmt. Für die Lagerleitung heisst es: Bestandsgenauigkeit als Monatszahl statt als Jahresüberraschung. Für die Geschäftsführung heisst es: ein Lagerwert in der Bilanz, dem man trauen kann, und kein Versandstopp zwischen den Jahren. Die Voraussetzung ist keine Technik, sondern eine Gewohnheit: nichts bewegen, ohne es zu buchen.
Weiterführend: Themenwelt Einkauf, Lager & Auftragsabwicklung · Lösung Lager. Den nächsten Schritt machen Sie mit dem kostenlosen Projekt-Check.
Das könnte Sie auch interessieren
Wie viele Tage steht Ihr Lager für die Inventur still?
Im kostenlosen Projekt-Check schauen wir uns Zählrhythmus, Differenzen und Buchungsdisziplin als eine Kette an - und ob eine rollende Inventur in Ihrem Lager den Stichtag ersetzen kann.